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LESEPROBE
Kapitel 1

Es war wieder geschehen.

Das Stück Quiche glitt Aledis samt Heber aus der Hand. Ihr Kopf fuhr zu der Frau herum, die weinend mit zwei anderen Gästen an Tisch vier sprach. „Bist du dir sicher?“, fragte der Mann und schob eine Packung Taschentücher über den Tisch.
„Was soll es denn sonst sein? Von einer Minute zur anderen hat sich Anna so verändert, dass ich sie nicht wiedererkenne. Seit Tagen weint sie nur noch und starrt trübe vor sich hin.“ Die Frau griff sich ein Tuch und schnaubte laut hinein. „Keine seelische Krankheit bricht so plötzlich aus. Ich sage dir, das war er! Der Nebelmann hat sie hinabgezogen.“
Der Nebelmann, pah! Was für ein Blödsinn, dachte Aledis während sie sich umdrehte, um einen frischen Teller mit einem neuen Stück von dem Quiche Blech zu belegen. Alles nur Gerüchte. Reine Panikmache der Pharmaindustrie, damit die fünfmal so viel Pülverchen in Kapseln verkaufen können. Und was für ein kindischer Name! Energisch teilte sie den Rest des Bleches in gleichmäßige Teile und stellte es zurück in die gekühlte Auslage.
„Was ist los? Du bist ganz bleich.“ Lorell, ihre Mitarbeiterin, kam mit einem leeren Tablett auf Aledis zu.
„Gar nichts.“ Aledis pustete eine Haarsträhne von der Stirn. Sie wollte das Gespräch von Tisch vier wegwischen, zu ihrer Vernunft und Skepsis zurückfinden, aber es gelang ihr nicht.
„Ach komm“, sagte Lorell. „Stell dich nicht so an. Ich habe auch gehört, was die Frau gesagt hat und ich musste sofort an deine Schwester denken.“
„So ein Quatsch!“ Aledis warf den benutzten Heber ins Spülbecken und sah Lorell mit zusammen gekniffenen Brauen an. „Mit Nyah hat das überhaupt nichts zu tun! Ein Nebelmann, der Leute in eine Welt aus Trauer und Verzweiflung hinabzieht? Ich bitte dich! Wir leben im 21. Jahrhundert.“
„Okay, okay, ganz wie du meinst.“ Lorell zuckte mit den Schultern und wandte sich ihrem Bestellblock zu.
Aledis aber konnte das Zittern ihrer Hände kaum noch unterdrücken. Lorell hatte also den gleichen Gedanken gehabt. Nun ließ sich die Erinnerung nicht mehr verdrängen.

An den Tag, als ihre Schwester verschwand.

Nicht mehr als ein Jahr war es her, dass der Anruf aus der Klinik ihr Leben aus den Bahnen geworfen hatte. Eine Sekunde lang war ihr Verstand wie blind gewesen. Was hatte er gesagt? Krankenhaus? Aledis stand nur da und die Luft blieb im Hals stecken. Ihre Hand krampfte sich um das Telefon. Das Ohr fühlte sich plötzlich ganz heiß an.
„Bitte, können Sie das wiederholen? Wieso Krankenhaus? Hatte Nyah einen Unfall?“
„Nein, nein, beruhigen Sie sich, kein Unfall“, antwortete der Arzt mit einem Tonfall, der im Übermitteln schlechter Nachrichten geschult klang. „Die Polizei hat Ihre Schwester aufgelesen und zu uns gebracht. Ins Emilien-Krankenhaus.“
„Die Polizei? O Gott, was ist mit ihr? Kann ich sie sehen?“
„Sicher, deshalb rufe ich an. Es sieht nach einem Nervenzusammenbruch aus. Atypisch zwar, aber keine Sorge, das kriegen wir schon wieder hin. Vielleicht könnten Sie uns sogar helfen. Es ist nämlich so … „
Er machte eine unerträgliche Pause. Aledis schnappte sich die Autoschlüssel und war schon fast an der Tür, als der Arzt seinen Satz beendete: „… dass Ihre Schwester nicht spricht. Das heißt, nicht verständlich spricht. Für eine gezielte Behandlung wäre es aber wichtig, an sie heran zu kommen, mehr zu erfahren.“
„Bin schon unterwegs!“ Damit war sie auf der Straße angelangt und sprang in ihren Fiat 500, der letzte Nacht zum Glück einen Parkplatz direkt vor der Haustür gefunden hatte. Das Handy landete auf dem Beifahrersitz.
„Verflucht, warum müssen ausgerechnet heute alle Ampeln auf Rot stehen?“ Während Aledis mit trommelnden Fingern auf Grün wartete, hing das Telefonat weiter in ihren Ohren fest. Sie verstand immer noch nicht recht, was der Arzt ihr hatte sagen wollte. Nyah hatte einen Nervenzusammenbruch? Sei verwirrt und müsse behandelt werden? Das konnte nur eine Verwechselung sein. Nyah war immer gesund und fröhlich. Ihr Optimismus ließ sich von Nichts und Niemandem beeinträchtigen. Nyahs Glas war immer halbvoll, und diese Frau sollte einen Nervenzusammenbruch gehabt haben? Das war lächerlich! Nyah bekam keinen Nervenzusammenbruch!
Man habe sie aufgegriffen, hatte er gesagt, völlig verstört auf dem vierspurigen West-Boulevard umhertaumelnd, und das Einzige, was Nyah sprach, seien unzusammenhängende Worte gewesen, in denen Istari und Aldaloranthus sich auffallend häuften.
Das war absurd. Das war nicht ihre Schwester!
Keine fünfzehn Minuten später vor der Klinik nahm sie frech die einzige Parklücke, obwohl ein VW schon in Warteposition stand. Egal. Jetzt war nicht die Zeit für Rücksicht. Sie musste da rein und klarstellen, dass es sich um eine Verwechslung handelte. Am Empfang erklärte man ihr, Nyah befände sich auf der Beobachtungsstation, Zimmer sieben. Den Gang entlang, dann rechts bis zur Glastür „Station B.“ Aledis rannte los und war für die Turnschuhe an ihren Füßen dankbar. Ledersohlen klackten auf Linoleum immer so laut. Soweit reichte ihre Rücksicht dann doch noch.
Als Aledis die Tür zu Zimmer sieben öffnete, wurde ihr eiskalt. Furcht überkam sie. Sämtliche Hoffnung schwand. Ihre Beine fingen an zu zittern, die Knie butterweich. Schnell griff sie nach dem Fußteil des Bettes, um nicht auf dem Fußboden zu landen. Vor ihr auf dem Bett kauerte das Liebste, das sie auf der Welt hatte, die Beine angezogen und den Blick gesenkt. So hatte Aledis ihre Schwester noch nie erlebt. Wie erstarrt lauschte sie den Worten, die Nyah fortwährend murmelte, und die überhaupt keinen Sinn zu machen schienen. Es klang wie ein Kauderwelsch, das nur entfernt mit Sprache zu tun hatte. Aledis spürte, wie sich ihre Brust zusammenzog. Sie beugte sich zu ihr hinunter und versuchte ein aufmunterndes Lächeln, aber ganz bis zu ihren Lippen kam es nicht.
„Nyah, Liebes, ich bin‘s! Kannst du mich hören?“ Sie hatte nicht ernsthaft mit einer Antwort gerechnet und zuckte erschrocken zusammen, als die Schwester prompt mit teilweise verständlichen Worten reagierte.
„Ich … höre dich, Mathair, aber ich weiß nicht … was los ist, Aided, woher ich komme, wo ich bin. Oiche. Der Schutz … Aldaloranthus … muss ihn einsetzen. Istari und Dwyvach ... darf nicht unterbrechen.“
Aledis war froh, dass ihre Schwester überhaupt eine Reaktion zeigte, aber die Art und Weise, in der Nyah sprach, entsetzte sie. Die Worte kamen monoton und mindestens zwei Tonlagen tiefer als ihre Stimme eigentlich klang.
„Sonst … bin ich … verloren“, waren die letzten Worte, die Aledis an diesem Tag klar und deutlich von ihrer Schwester hörte.
„Ah, Sie sind schon da, sehr gut. Zum Glück fanden die Beamten Ihre Telefonnummer im Handy.“
Aledis hatte den Klinikarzt nicht kommen hören. Wieder versuchte er, sie zu beruhigen. Ein wenig Ruhe, gezielte Medikation – dann würde es schon wieder werden. Doch all diese Erklärungen halfen Aledis nicht wirklich über die Beklemmung hinweg, die sich in ihr auszubreiten begann. Ohne es begründen zu können und gepaart mit einem unbehaglichen Gefühl, meinte sie, dass Nyah etwas Außergewöhnliches widerfahren war. Einfach nur Ruhe würde da gar nicht helfen. Sie musste etwas tun. Sie musste Nyah helfen, aber damals im Krankenhaus hatte es nicht den Hauch einer Ahnung gegeben, wie sie das anstellen sollte.

„Zwei Kaffee für Tisch acht.“ Das war Lorells Stimme.
„Was? O ja, natürlich.“ Aledis nickte ihr verwirrt zu. Das Café nahm wieder Formen an. Und damit auch die Gäste an Tisch vier.
„Ich glaube es trotzdem nicht“, flüsterte Aledis, während sie den Kaffee eingoss. „Obwohl ich immer noch nicht weiß, wie ich ihr helfen soll.“
„Wem helfen? Nyah?“ Lorell klapperte hinter ihr mit Geschirr. „Nimmt sie denn die Medikamente regelmäßig?“
„Ja, schon, aber dieses Pharmazeugs hilft nicht die Bohne.“
„Dann freundest du dich vielleicht besser mit diesem Nebelfürsten an. Wenn du ihn bezirzt, sagt er dir bestimmt, was du tun musst.“
„Mach nicht so blöde Witze! Solche Wesen gibt es einfach nicht und Punkt. Ich muss eine andere, eine logische Lösung für Nyahs Zustand finden.“ Aledis setzte ein Lächeln auf und servierte den Gästen ihren Kaffee.

 

 



 

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© T.L. Reiber  Oktober 2017